Der Morgen am See ist so fantastisch wie der Morgen zuvor. Ein paar Jogger ziehen ungestört ihre Runden um das Naherholungsgewässer und ich überlege, ob ich nicht endlich mein Training fortsetzen sollte. Die begrenzten Duschmöglichkeiten dienen mir als willkommene Ausrede, die Überlegung bis auf weiteres zurückzustellen. Der Kaffee zischt schnell durch die Alu-Caffetierra und die öffentliche Toilette erspart uns ein weiteres Mal die Porta-Potti-Premiere. Nach einem ausgiebigen Spaziergang rund um den See (der Hund findet sichtbar gefallen an der Reise) geht es über Gaillac und Albi Richtung Millau.
Ein halbes Dutzend Reportagen habe ich bestimmt schon über die Konstruktion der gigantischen Autobahnbrücke gesehen, die sich über das Tal des Tarn schwingt. Aber nicht einen Moment habe ich daran gedacht, dass das Viaduc de Millau tatsächlich bei Millau liegt und sich deshalb genau auf unserer Route befindet. Erst als ich die kurvige N993 hinter Saint-Affrique entlangfahre, sehe ich plötzlich die gigantischen Pfeiler direkt vor, ja schon fast über mir.
"Da ... da ... das ist es ... das ist das Teil...", stammele ich, was Gabi mit einem verständnislosen Blick beantwortet. "Na die Brücke... die Brücke - du weißt schon ...", setze ich den Versuch einer Erklärung fort. Und während ich mich nicht zwischen dem Blick auf die Brücke und auf die auch nicht ganz unwichtige, vor mir liegende Straße entscheiden kann, wird Gabi bereits rational:
"Such dir einen Parkplatz, ich will hier aussteigen." Der heilige Christophorus, Schutzpatron aller Reisenden, hat ein Einsehen mit mir und lässt innerhalb weniger hundert Meter am linken Straßenrand das Touristeninformationszentrum des Viaduc de Millau aus dem Boden wachsen. Pünktchen fährt wie von selbst auf die - selbstverständlich vorhandenen - Wohnmobilstellflächen und Gabi startet zu einer ihrer berühmten Informationsmaterial-Sammelexpeditionen, was mich mit Whisky und Whisky mit einer Sinnkrise zurücklässt. Als Herdenschutzhund ist es für ihn nämlich inakzeptabel, wenn sich ein Mitglied seiner Herde eigenmächtig entfernt. Also zerre ich den Hund gegen seinen Willen über den Parkplatz, während Gabi im Inneren des Gebäudes genug Informationsblätter sammelt, um daraus eine mehrbändige Enzyklopädie zu binden. Schließlich gelingt es mir, auf einem dekorativen Felsblock sitzend, in Ruhe das beeindruckende Panorama aufzunehmen. Die höchste und längste Schrägseilbrücke der Welt ist fürwahr ein überwältigender Anblick und einen Abstecher wert.
Durch unsere Rast erholt und durch meine durchweg positiven Erfahrungen mit Pünktchen ein wenig übermütig geworden, biete ich Gabi an, auf der Weiterreise durch die Gorges du Tarn zu fahren - sightseeingmäßig. Gabi ist nicht abgeneigt und ich Idiot mache das wirklich.
Nun gut, um es kurz zu machen:
Erstens: Es hat sich gelohnt. Zweitens: Ich weiß jetzt genau, wie breit Pünktchen ist und drittens: Ich würde es nicht noch einmal machen.
Die Straße ist eigentlich völlig OK - zumindest solange kein Gegenverkehr kommt. Leider kommt dort ständig Gegenverkehr und die Straße ist nur selten breit genug für zwei PKW. Irgendwie schaffe ich es trotzdem unfallfrei durchzukommen und ich fühle mich die ganze Zeit über als Herr der Lage - abgesehen von den drei oder vier mal, als ich es bereits krachen höre und mein Herz sekundenlang aussetzt.
Nachtrag nach fast zwanzigtausend gefahrenen WoMo-Kilometern: Inzwischen würde ich die Strecke wieder fahren. Aber anders - vorsichtiger und mit dem Wissen, welche Abenteuer mich dort erwarten.
Am Ausgang der Schlucht will Gabi gerne noch einmal einen Stopp einlegen, aber in Sainte-Enimie ist bereits der Wochenend-Tourismus angekommen und ich habe jetzt die Nase voll von Millimeterarbeit mit dem WoMo. Also nehme ich Kurs auf Mende und von dort weiter auf der N88 Richtung Le Puy. Wieder ist der WoMo-Führer eine brauchbare Hilfe, denn er führt uns zum Lac du Bouchet, einem wunderschön gelegenen See in einem erloschenen Vulkankrater. Im umgebenden Wald finden wir schnell einen Parkplatz nur für uns allein. Obwohl Gabi der Platz zu einsam und unheimlich ist, überzeuge ich sie, zu bleiben. Schließlich wäre ein potentieller WoMo-Knacker schön blöd, wenn er auf der Suche nach lukrativer Beute in stockfinsterer Nacht einsame Wälder durchforsten würde. Außerdem vermittelt ein Schäferhund-Mix doch immer ein beruhigendes Gefühl.